
Seitdem ich mich selbständig gemacht habe, kann ich frei über meine Zeit verfügen. Kein Wecker klingelt und presst mich in ein zeitliches Korsett. Ich muss nicht mehr irgendwohin sprinten, damit ich pünktlich bin und meine Zeit arbeitet für mich. Ich habe mir deshalb ein Ritual angeeignet: ich gehe jeden Morgen in mein Lieblingscafé
, das ich zu Fuß erreichen kann. Kaum mache ich die Tür auf, kommt mir der gewohnte Duft der Kaffeemaschine entgegen. Es ist ein imposantes Exemplar für echte Baristas und mein Barista stellt mit ihr den herrlichsten Kaffee der Welt her. Ich liebe meinen Kaffee mit Milch und da kann ich wählen zwischen Wiener Melange, Capuccino und Latte Machiatto. Bei Capuccino zaubert der Barista wunderschöne Muster in die Milch. Ich habe ihm empfohlen, bei einem Wettbewerb mitzumachen und er besorgt sich schon Informationen darüber.
Ich sitze an meinem Stammtisch in der Ecke, von wo aus ich das Café gut überblicken kann und gleichzeitig meine Ruhe habe. Die Bedienung begrüßt mich mit einem netten Lächeln und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden.
Sie bringt mir zuerst meinen duftenden und kunstvoll verzierten Capuccino und danach mein Frühstück. Heute sind es mal wieder Müsli und Früchte, aber manchmal bestelle ich ein Omelett oder Eier im Glas, es kann auch Aufschnitt
und Käse sein.
Das entscheide ich täglich aufs Neue – Sie müssen zugeben, es ist schon ein Luxus, beim Frühstück bedient zu werden. Außerdem kann ich die anderen Gäste etwas beobachten, bei meinem Beruf als freie Journalistin ist das von großem
Wert. Oft bin ich so auf neue Themen gestoßen, die ich dem Verlag anbieten konnte.
Ich habe mir gerade die aktuelle Tageszeitung geholt und schmökere darin ganz gemütlich. Ab und zu widme ich mich meinem Frühstück. Das Angebot an frischen Presseerzeugnissen ist hier hervorragend. Es bleiben keine Wünsche
offen: von seriösen über Boulevardblätter bis zu speziellen Fachzeitschriften. Nicht selten vertiefe ich mich so sehr in einem Artikel, dass ich alles um mich herum vergesse. So eine Vielfalt könnte ich mir zu Hause gar nicht leisten, ganz zu schweigen von der Beseitigung der Makulatur, die dabei entstehen würde.
Inzwischen habe ich einige Mitstreiter, die auch häufig hier verkehren, und nicht selten ergibt sich ein netter Plausch von Tisch zu Tisch: wir haben alle unsere Lieblingssitzplätze. Manchmal muss ich aus meiner geliebte Ecke ausweichen, weil sie schon besetzt ist. Ich will aber nicht irgendwelche Rechte vom Personal einfordern, so z.B. dass sie meinen Tisch nur für mich reservieren. Schließlich will ich flexibel bleiben. Ich halte mich auch nicht für so bedeutend, dass ich Ansprüche stellen könnte. Ich bin ein Gast wie jeder anderer.
Sie müssen zugeben, dass ich wirklich zu beneiden bin, nicht wahr? Jeden Morgen frei zu sein, in meinem Stammcafé frühstücken zu können oder es auch sein zu lassen. Diese Freiheit habe ich mir hart erarbeitet und ich hoffe, dass es nicht wieder dazu kommt, dass ich wie eine Sklavin der Zeit arbeiten müsste…